Kunst- und Literaturzeitschrift Herzattacke
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Gegenstand

Im Rahmen des Projekts „Literatuarchiv Speichen / Herzattacke" werden umfangreiche Materialien über einen Kreis von Autoren erschlossen, dokumentiert, untersucht und ausgewertet, die seit zum Teil mehr als 50 Jahren in ihrer Arbeit als Dichter und Übersetzer, in künstlerischem und persönlichem Austausch und in gemeinsamen Projekten zusammengearbeitet haben.
Wichtigste gemeinsame Produktion war das Jahrbuch "SPEICHEN", das in den Jahren 1968 bis 1971 im Henssel Verlag Berlin in kollektiver Redaktion entstand. Zum "Umkreis der SPEICHEN" gehören:

  • Richard Anders (geboren 1928)
  • Gerd Henniger (1930-1990)
  • Johannes Hübner (1921-1977)
  • Joachim Klünner (1924-2006)
  • Lothar Klünner (geboren 1922)
  • Joachim Uhlmann (geboren 1925)
  • Rudolf Wittkopf (1933-1997).

Alle diese Schriftsteller begannen ihre künstlerische Laufbahn unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Erste, vom Elan des Neuanfangs und der Befreiung der Kunst getragene Arbeiten aus diesem Kreis waren avantgardistische Künstler-Kabarette im Berliner Westen. Gemeinsam mit namhaften bildenden Künstlern, Komponisten, Tänzern und Schauspielern entstanden die Programme Badewanne", .Rationsstrich" und „Ouallenpeitsche", in denen die Auseinandersetzung mit traditionen und aktuellen Tendenzen der europäischen Moderne geführt wurde. Im Kreis der Berliner Galerie "Rosen", die u.a. den so genannten „Nachkrieqssurrealismus" präsentierte, entstanden Freundschaften zu Bildenden Künstlern, die zu fortdauernder Zusammenarbeit führten. In den ersten von den Besatzungsmächten lizenzierten Magazinen und Zeitschriften erschienen Texte und Übersetzungen der Autoren, zu nennen wären hier vor allem die in München erschienene Zeitschrift "Die Fähre" (später "Literarische Revue") und die „Athena" aus Berlin. Johannes Hübner, Joachim Uhlmann, Lothar und Joachim Klünner waren am Zeitschriftenprojekt "Meta" von Karl Otto Goetz beteiligt, auch in der Zeitschrift „Cobra“' veröffentlichten sie ihre frühen Texte.

Viele der kulturellen Projekte, die unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen wurden, fielen der Teilung Deutschlands und der Restauration in der Bundesrepublik zum Opfer. Die Währungsreform zerstörte die materielle Grundlage für die neu entstandene Kulturszene, der Kalte Krieg trennte die Künstler nach Ost und West, die gescheiterte Entnazifizierung spülte auch in Westberlin die alten Akteure und "Grauen Eminenzen" wieder in ihre Machtpositionen. Das Wirtschaftswunder" lenkte die Aufmerksamkeit der Deutschen vor allem auf materielle Besitzstände. Die optimistische Haltung der Künstler nach dem Ende der Nazi-Barbarei machte der Einsicht Platz, dass die kulturelle Landschaft von Zurückhaltung und Ignoranz gegenüber der künstlerischen Avantgarde, durch Traditionalismus und eine zunehmende ästhetische Beschränkung auf den Realismus amerikanischer Schule verengt wurde.

Die Autoren dieses Kreises orientierten sich vor allem an der französischen Literatur und begannen schon in den ersten Nachkriegsjahren, die Werke von in Deutschland noch völlig unbekannten, bedeutsamen europäischen Dichtern zu übersetzen. So entstanden intensive internationale Korrespondenzen, besonders mit Schriftstellern,
die sich selbst als Surrealisten bezeichneten, sich mit dem Surrealismus auseinander gesetzt hatten oder über den Surrealismus hinaus gegangen waren.
Johannes Hübner und Lothar Klünner übersetzten das Werk des bedeutenden französischen Lyrikers des 20. Jahrhunderts, Rene Char, mit dem sie auch eine enge Freundschaft verband. Auch mit dem bedeutenden Schriftsteller und Philosophen Maurice Blanchot bestand eine enge Verbindung. Richard Anders gehörte als einziger deutscher Dichter zum Kreis um Andre Breton, steht bis heute in freundschaftlichem Austausch mit dem
Mitbegründer der US-amerikanischen Surrealisten-Bewegung, FrankIin Rosemont, aber auch mit Edouard Jaguer, dem heutigen Herausgeber von „lnfosur", dem letzten "offiziellen" Organ der Surrealisten. Wenngleich sich dieser Autorenkreis nicht als surrealistische Künstlergruppe bezeichnet hat und sich die Autoren zum Teil nur in
Phasen ihres Werkes als Surrealisten verstanden, gehören sie doch zu den wichtigsten deutschsprachigen Dichtern und Übersetzern, die sich vom Surrealismus inspirieren ließen und ihn in einer eigenen, deutschen Ausprägung entwickelt haben. Sie waren und sind, wie sich in ihren Werken, in ihrer Übersetzertätigkeit und ihren
Korrespondenzen nachweisen lässt, ein wichtiger Bestandteil des internationalen Surrealismus.

Freundschaften und Kontakte bestanden innerhalb Westberlins und über die Sektorengrenzen hinaus. So gehörten die Kreuzberger Boheme um Günter Bruno Fuchs und Robert Wolfgang Schnell ebenso zu den guten Bekannten wie Johannes Bobrowski, Erich Arendt und Manfred Bieler. Neben ihrer eigenen literarischen Tätigkeit haben die Dichter aus dem Umkreis der "SPEICHEN" als Übersetzer eine herausragende Rolle bei der Literatur-Vermittlung gespielt. Dies belegen nicht nur die Auszeichnungen an Wittkopf und Henniger für ihre
übersetzerische Tätigkeit, sondern vor allem die Übersetzungen selbst.
Intensiver Austausch bestand aber nicht nur im eigenen Freundeskreis und mit den Dichtern, deren Werke übersetzt wurden, sondern auch mit bedeutenden deutschen Dichtern und Übersetzern, wie Paul Celan, Hans Henny Jahnn, Michael Hamburger und Elmar Tophoeven. In den Korrespondenzen finden sich u.a. Briefe von Cyrus Atabay, Samuel Beckett, Claire Goll, Wolfgang Koeppen, Hubert Fichte und Walter Höllerer.
Mit Publikationen in verschiedenen namhaften internationalen Literatur-Zeitschriften bewiesen die Autoren ihren internationalen Rang. Auch die in Heidelberg erschienene Zeitschrift "Profile" und der Henssel Verlag boten eine stetige Publikationsmöglichkeit.

Mit der Herausgabe einer eigenen Zeitschrift wollten die Autoren das Fehlen einer selbstbestimmten Publikationsform überwinden und ein eigenes Podium für ihre ästhetischen, kulturellen und politischen Anschauungen errichten. Das Jahrbuch "SPEICHEN" erschien von 1968 bis 1971 in kollektiver Redaktion und griff mitten in die damalige Debatte um die Funktion von Poesie und Kunst, um gesellschaftliches Engagement und künstlerische Autonomie ein. Als Gastautoren konnten u.a. Erich Arendt und Paul Celan gewonnen werden. Der internationale Rahmen, der sich in Beiträgen von Rene Char, Maurice Blanchot und Jacques Dupin manifestiert, wirkt bis heute imposant. Mit ihrem Jahrbuch haben die Autoren einen wichtigen, leider immer noch zu wenig beachteten Beitrag zur deutschen Literaturgeschichte geleistet.

Das Literaturarchiv "Speichen / Herzattacke" will über die Publikationsgeschichte der "SPEICHEN" hinaus das Werk und Wirken der Dichter und Übersetzer erforschen, die sich zu dieser literarischen Unternehmung zusammengetan haben.

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